Sonntag, 22. November 2015

Türkische Kampfflugzeuge bombardierten Nordirak



Istanbul - Laut dem Generalstab der türkischen Armee am Samstag haben die Kampfflugzeuge und Bombenwerfer der Luftwaffe dieses Landes 23 Stellungen der kurdischen Arbeiterpartei (PKK) im Nordirak bombardiert.


Der Nachrichtenagentur Melliat zufolge ereigneten sich diese Operationen in den gestrigen frühen Morgenstunden mit dem Einsatz von 12 F-16 und 10 F-4-Kampfjets. Bagdad bewertet die türkischen Operationen im Nordirak als eine Verletzung der territorialen Integrität des Iraks. Die Erklärung des Generalstabs der türkischen Armee gab die Zahl der Opfer bei diesen Operationen nicht an. Die Auseinandersetzungen in östlichen und südöstlichen Gebieten der Türkei begannen vor fünf Monaten.

Angaben der türkischen Regierungsbehörden zufolge wurden innerhalb der besagten Zeitspanne circa 400 Soldaten und Zivilisten und ungefähr 2.000 kurdischen Oppositionellen bei bewaffneten Auseinandersetzungen der Türkei und Bombardierungen der türkischen Kampfflugzeuge im Nordirak getötet. Der türkische Premierminister Ahmet Davutoğlu sagte, dass die Armee bis zur völligen Zerstörung der PKK und Sicherheitsherstellung und sozialen Ordnung in den genannten Gebieten die Operationen gegen diese Gruppe entschlossen fortsetzen werde.



Ich möchte hier gern noch etwas zum Nachlesen hinzufügen um diese Angriffe ein wenig historisch zu beleuchten und gleichzeitig die Türkei für ihr Verhalten seit über 70 Jahren rügen:

von Dieter Burckhardt

Flucht und Vertreibung in Nordwestkurdistan


Türkische Umsiedlungs- und Deportationspolitik und ihre Folgen

"Mit dem Morgengrauen kamen auch die Soldaten. Sie trieben uns aus unseren Häusern heraus und zwangen uns, Männer und Frauen getrennt, mit erhobenen Händen vor einer Hauswand niederzuknien. Wir hatten alle fürchterliche Angst. Bis zum Mittag mußten wir in dieser Position ausharren, während die Soldaten die Häuser durchkämmten. (...) Dann trieben sie uns unter Tritten und Schlägen auf dem Dorfplatz zusammen. Sie behandelten uns schlimmer als Tiere, beschimpften und bedrohten uns. Die Einzelheiten will ich hier nicht erzählen. Am Schluß nannte uns der Kommandant eine Frist, in der wir das Dorf zu verlassen hätten. Andernfalls würden sie uns "dreckige Kurden" mitsamt unsern Häusern verbrennen. Um die Drohung zu unterstreichen, ließ der Kommandant vor dem Abrücken noch einige Handgranaten in verschiedene Häuser werfen.
Am nächsten Morgen besorgten einige Männer zwei alte LKWs aus der nächsten Kreisstadt. Wir luden wie unsere Verwandten und Nachbarn die nötigste Habe auf das Fahrzeug und stiegen mit auf die Ladefläche. Unser Ziel war Antep, wo wir erst einmal bei dem Bruder meines Vaters unterzukommen hofften. (...) Kurze Zeit später habe ich erfahren, daß unser Dorf vollständig verbrannt wurde. Gott möge sie dafür strafen."

Die Geschichte dieses kurdischen Bauern aus der Region Mardin ist kein Einzelfall. Im Gegenteil. Hinter den Zahlen und Bilanzen türkischer und internationaler Menschenrechtsvereinigungen, die von Folter, Tod, Zerstörung, Vertreibung etc. in Kurdistan und der Türkei, berichten, stehen unzählige Einzelschicksale. Ganze Regionen in den kurdischen Provinzen sind weitgehend entvölkert. Planmäßig wurden die Dörfer und Weiler, deren Bewohner sich weigerten für den Staat als Dorfschützer oder Agenten zu arbeiten, zerstört und die Menschen vertrieben.

Doch Vertreibung und verbrannte Erde sind in der Türkei keine neuen Erscheinungen. Vielmehr wurden schon in der Vergangenheit Minderheiten wiederholt dem staatlich organisierten Terrormaßnahmen ausgesetzt.

Seit einige hundert vornehmlich kurdische Flüchtlinge auf schrottreifen Frachtern vor der süditalienischen Küste anlandeten, wurde die internationale Öffentlichkeit auf die Verhältnisse in Kurdistan und der Türkei aufmerksam. Ihre Ankunft brachte eine Lawine ins Rollen. Woher kamen diese ausgemergelten Frauen, Männer und Kinder? Was trieb sie zur Flucht und zur lebensgefährlichen Überfahrt in verrosteten Schiffen? Die Welt und Europa wurden an den Krieg des türkischen Staates gegen die Menschen in Kurdistan erinnert.

Doch staatlich organisierter Terror gegen die Zivilbevölkerung und deren Vertreibung sind in der Türkei keine neuen Erscheinungen.

Ethnische Säuberungen - türkische Tradition?

Durch die knapp über siebzigjährige Geschichte der Republik Türkei ziehen sich dunkle, blutige Traditionslinien. In Verbindung mit der kemalistischen Ideologie wurden und werden den Menschen in der Türkei aggressive, national-chauvinistische und militaristische Vorstellungen von Kindheit an eingetrichtert, die sich gegen Nachbarstaaten und -völker sowie gegen Minderheiten innerhalb der Staatsgrenzen der Türkei richten.

Seien es die Pogrome gegen und die Vertreibung der griechischen Bevölkerung aus deren alten, seit der Antike bewohnten Siedlungsgebieten der kleinasiatisch-ionischen Ägäisregion oder sei es die Politik der psychischen und physischen Leugnung der kurdischen Bevölkerung in der Türkei; es ließen sich viele Beispiele einer Politik des Feuer und Schwertes gegen sich nicht vollständig unterwerfende und gefügige Minderheiten finden.

Diese Traditionslinien bestimmen auch gegenwärtig die inneren Verhältnisse in der Türkei. So ist ein Moment der Politik gegen das kurdische Volk und des schmutzigen Krieges in den Kurdengebieten die systematische Umsiedlungs- und Deportationspolitik. Doch die 'Umsiedlung' bringt nicht nur für Kurdistan negative Konsequenzen mit sich, die Türkei ist genauso davon betroffen.

Die Politik der verbrannten Erde und die Folgen

Die türkischen Metropolen sind seit Jahrzehnten das Ziel zahlloser Wirtschaftsmigranten, die in der Hoffnung auf Arbeit und Verdienstmöglichkeiten dorthin strömen. Nun kommt eine immer größer werdende Zahl von Kriegsflüchtlingen hinzu. Allein seit 1990 wurden in den kurdischen Landesteilen mehr als 3.500 Dörfer entvölkert, niedergebrannt und zerstört und die Menschen zur Flucht gezwungen. Kürzlich wurde aus dem Distrikt von Siirt bekannt, daß nun schon Stadtteile mittlerer Kreisstädte zwangsgeräumt werden. So verfügte das türkische Militär die Räumung der Stadtteile Kotiba Jir und Kotiba Jer in Kurtalan.

Ein anderer Teil der Flüchtlinge wollte sich nicht zu Dorfschützerdiensten für die türkischen "Sicherheitskräfte" zwingen lassen. Sie waren gezwungen, sich dem massiven Druck des Militärs durch Flucht zu entziehen.

Die Politik der verbrannten Erde hat darüber hinaus die Lebensgrundlage zahlloser Menschen in Kurdistan zerstört. Land- und Weidewirtschaft ist kaum noch möglich, Wälder und Felder wurden verbrannt oder vermint. Diese Auswirkungen konnten auch in einer Studie über "Umsiedlungspläne", die unter der Leitung von Prof. Dr. Sebahattin Güllü an der Atatürk Universität Ankara erstellt wurde, nicht ausgeblendet werden. Das Ergebnis einer stichpunktmäßigen Befragung von 759 Personen in den Regionen Erzurum, Kars, Agri, Erzincan und Van gab ein Bild der Auswirkungen des Krieges wider. Demnach sind die Menschen aufgrund der Repressalien gezwungen, ihre Dörfer zu verlassen und in die großen Städte zu flüchten. Oft lautet die erste Entscheidung, wie bei dem eingangs zitierten Bauern aus Mardin, zu den Verwandten zu ziehen. 76,8% der Befragten besitzen Verwandte, die schon aus Kurdistan umgesiedelt sind. Aus der Untersuchung geht hervor, daß 46,93% in die Region Marmara, 15,82% in die Ägäis-Region, 10,54% in die Mittelmeer-Region, 7,55% nach Mittelanatolien, 2,28% in die Regionen am Schwarzen Meer, 4,21% ins Ausland und 11,95% in einen anderen Bezirk Kurdistans umgesiedelt sind.

Flüchtlinge in der Türkei

Millionen von Flüchtlingen strömten in die großen Städte der Westtürkei. Nur ein sehr geringer Prozentsatz floh weiter nach Europa. Andere führte der Fluchtweg über die Berge nach Südkurdistan. Doch in der scheinbaren Sicherheit dieser Zufluchtsorte treffen die Menschen erneut auf eine Vielzahl von Schwierigkeiten - die Repressalien von Polizeikräften und Todesschwadronen in den türkischen Metropolen nicht mit einbezogen, auch nicht die Invasionen der türkischen Armee in Südkurdistan u.a.: Der Kampf um das alltägliche Überleben ist in den türkischen Großstädten an erster Stelle durch Unterkunftsprobleme, Arbeitslosigkeit und Hunger gekennzeichnet. Eng mit diesen verbunden sind Gesundheits- und Ausbildungsprobleme. Hinzu kommen ferner Anpassungsschwierigkeiten, da sich viele Flüchtlinge ohne die erforderlichen Sprachkenntnisse zurechtfinden müssen.

In den türkischen Metropolen leben Tausende kurdischer Familien in einer Situation der sozialen Ausweglosigkeit. Ohne Arbeit, d.h. ohne die Möglichkeit zu Verdienst und damit zur Versorgung der Familie, müssen sich zahllose Flüchtlinge durchschlagen. Der alltägliche Kampf ums Überleben in den Elendsvierteln kennzeichnet ihre Lebensrealität. Die einzige Waffe der Menschen in diesem Überlebenskampf ist ihre ausgeprägte Solidarität untereinander.

Viele der eh schon geschwächten Menschen werden durch die Lebensumstände krank. Es mangelt an sauberem Trinkwasser, darüber hinaus müssen die hygienischen Verhältnisse als sehr schlecht bezeichnet werden. Und nicht nur diese. Oftmals stehen den Flüchtlingen keine festen Unterkünfte zur Verfügung. All dies führt setzt die Vertriebenen Infektionen und anderen Krankheiten aus. Geld zur Behandlung von Krankheiten vermag kaum eine Familie aufzubringen. Insgesamt stellte sich Menschenrechtsdelegationen wiederholt ein erschreckendes Bild der medizinischen Unter- bzw. Nichtversorgung dar.

Ein oft vernachlässigter Aspekt der Vertreibung ist die soziale und kulturelle Entwurzelung der betroffenen Menschen, herbeigeführt durch die Zerstörung der Heimat, das Auseinanderreißen gewachsener, dörflicher Sozialstrukturen, das Hineinstoßen in die fremde, feindliche Welt der Slums, die Diskriminierung als Kurden usw. Letztendlich werden die Flüchtlinge in den Elendsvierteln der Großstädte, im deutschen Behördenjargon 'innertürkische Fluchtalternativen' genannt, einem perfiden Zwang zur Assimilation ausgesetzt. Findet ein Kurde einmal Arbeit und spricht dort in seiner Muttersprache, "wird er im besten Fall verhöhnt. Meist verliert er den Job", berichtet der Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, W. Koydl, aus Istanbul.

Eine Zukunft wird es nur mit der Beendigung des Krieges geben

Der Krieg verhindert längst notwendige Investitionen in den kurdischen Regionen. Diese setzen Sicherheit voraus, und die ist weder für die Menschen noch für die Investitionen gegeben. Im Gegenteil, der Krieg bewirkt den Abzug von Kapital aus den kurdischen Regionen. Darüber hinaus verschlingt der schmutzige Krieg der Türkei dringend benötigte Mittel, die für Investitionen in der eigenen Wirtschaft benötigt werden. Ein anderes Kind des Krieges ist die Inflation. Solange der Krieg andauert, wird sich an diesen Phänomenen nichts ändern.

Eins ist klar. Der Krieg in der Türkei führt in allen Landesteilen nur zur Entwicklung eines schlechteren Zustandes hin. Die Menschen müssen den Mut finden, sich für die Beendigung des Krieges auszusprechen und dies auch einzufordern.

Bei Suruc: Rund 200.000 Kurden sind seit September 2014 aus dem Raum Kobani über die Grenze in der Türkei geflohen.