Freitag, 14. August 2015

Syrien, Rhetorik und Wahrheit

General John Allen


Seit zwei Wochen ist die internationale Presse voller Gerüchte, die den Start einer US-Militäroperation gegen Syrien ankündigen.


Thierry Meyssan, der eine Manipulation von General John Allen und seinen Freunde denunziert hatte, um das USA/Iran Abkommen zu sabotieren, kommt hier auf die Absurdität dieser Behauptung zurück. Er erklärt, warum die strategische Unterstützung von Russland und China für ein säkulares Syrien nicht verhandelbar ist.

Am 27. Juli kündete die New York Times die Schaffung einer Sicherheitszone in Syrien durch Washington und Ankara an, um heute in der Türkei stationierte syrische Flüchtlinge unterzubringen [1] . Kurz darauf bestritt das Weiße Haus diese Informationen. Ich erklärte in einem früheren Artikel, dass die New York Times durch General John Allen, den Sonderbeauftragten für die internationale Anti-Daesh Koalition, und durch die vorläufige Regierung der Türkei irregeführt worden war [2].

Ich erinnerte daran, dass Allen bereits an zwei anderen Versuchen beteiligt war, den Frieden in Syrien im Juni 2012 und Dezember 2014 zu sabotieren und dass Präsident Obama vor fast drei Jahren im September 2012 schon versucht hatte, ihn verhaften zu lassen.

Sehr viele Kommentatoren haben diese Informationen einer anderen nahe gebracht, nach der das Pentagon nun erlaube, "moderate Rebellen" zu unterstützen, wenn sie angegriffen werden, wer auch immer ihr Angreifer sei. Sie haben darin den Anfang der lang erwarteten Kampagne der NATO gegen die Arabische Republik Syrien gesehen.

Diese Interpretation ist absurd, und diese Elemente müssen anders interpretiert werden.

Widersprüchliche Aussagen und Realität auf dem Boden


Es steht fest, dass die Koalition verpflichtet ist, die syrische arabische Armee in Syrien nicht anzugreifen, sondern nur Daesh - und jetzt auch al-Kaida -. Außerdem übergibt sie ihre Bomber-Flugpläne und die Missionen ihrer Truppen am Boden im Voraus an das Personal der syrisch arabischen Armee, über ihre kurdischen Verbündeten von der PYG. Auf diese Weise stellt die Koalition im Voraus sicher, dass ihre Flugzeuge nicht von den syrischen Jägern abgeschossen werden, sondern dass sie zu den gleichen Zielen wie die syrische arabische Armee beitragen werden, ohne dass sie sich weiter koordinieren müssen.

Offiziell nehmen die Briten und Franzosen nicht an den Operationen auf syrischem Boden teil. Aber wir wissen, dass das falsch ist. Schon seit Monaten bombardieren diese Nationen Daesh in Syrien. Vor ein paar Tagen war der britische Außenminister gezwungen, die Wahrheit im Unterhaus zuzugeben [3]. Sein französischer Amtskollege, der nicht unter dem gleichen politischen Druck steht, leugnet weiterhin die Tatsachen. Darüber hinaus haben die Briten 120 SAS auf dem Boden bereitgestellt, um die Luftangriffe zu dirigieren. [4]. Da diese Arbeit besonders riskant für Ausländer ist, die das Gelände nicht kennen, hat das Pentagon 60 "moderate syrische Rebellen" ausgebildet, um ihnen dabei zu helfen. 54 sind in das syrische Gebiet eingetreten und wurden sofort von al-Kaida angegriffen.

Es ist absurd zu behaupten, dass das Pentagon diese 60 Kämpfer ausgebildet hat, um Hunderttausende von Soldaten der syrischen arabischen Armee zu besiegen und die Republik zu stürzen. Ihre einzige Funktion ist, an der Anti-Daesh-Koalition teilzunehmen und ihre einzige Aufgabe ist, Bodenziele für die Bomber zu identifizieren.

Es stimmt, wie der russische Außenminister Sergej Lawrow schon bemerkte, dass diese Ankündigung schlecht formuliert war. Der Sprecher des Weißen Hauses hätte den Verdacht hegen sollen, dass sie falsch interpretiert werden würde, angesichts des Willens eines Teils der amerikanischen, französisch und türkischen Politiker, die in einen offenen Krieg gegen Syrien ziehen wollen. In der Praxis hat er beschlossen, die Gegner des USA/Iran Abkommens irrezuführen.

Übrigens spielte das Pentagon auf eine Situation an, die sich anbot. Seine 54 "moderaten-Rebellen" wurden von al-Kaida angegriffen, und es hat sie verteidigt. Nun versuchten in den letzten Monaten Frankreich, Saudi Arabien und die Türkei al-Kaida in Syrien (al-Nusra Front) zu rehabilitieren, um daraus eine akzeptable Alternative zu Daesh zu machen. Im Gegensatz zu den Schlüssen von vielen Kommentatoren, macht das Pentagon durch Bombenangriffe auf beide, Daesh und al-Kaida, was neu ist, tatsächlich das Spiel der syrischen arabischen Republik, gemäß ihrer Vereinbarung mit dem Iran.

Geo-strategische Grundsätze


Kommen wir jetzt zum Kern der Sache. Diese kunstvoll von General Allen am Aspen-Security-Forum und der Türkei fabrizierte Kontroverse zielt darauf ab, einen radikalen Wandel in der amerikanischen Politik glaubwürdig zu machen. Washington, nach langem Zögern für einen offenen Krieg gegen Syrien, hätte sich schließlich dazu entschlossen. Syrien würde, wie einst Libyen, bald bombardiert werden und man würde endlich Präsident Bachar Al-Assad loswerden.

Wenn das der Fall wäre, würden wir in einen Weltkrieg eingetreten sein.

Tatsächlich haben Russland und China bereits viermal ihr Veto im Sicherheitsrat zu Beschlussvorlagen eingelegt, die Angriffe gegen Syrien oder Vorbereitungen dazu erlauben sollten. Durch ihr Veto haben sich Moskau und Peking nicht einfach begnügt, diese Resolutionen nicht zu unterstützen. Sie sind mit den Autoren dieser Projekte in diplomatischen Konflikt geraten. Sie haben bestätigt, zu einem Krieg gegen sie bereit zu sein, wenn sie den Akt einseitig verabschieden sollten.

Das erste Veto, vom 4. Oktober 2011, hat Washington überrascht. Das zweite, vom 4. Februar 2012 hat es überzeugt, in Syrien nicht so wie in Libyen zu handeln. Frankreich, Katar und die Türkei haben beschlossen, den Krieg wiederzubeleben und haben zwei andere Beschlussvorlagen eingereicht, am 19. Juli 2012, und über die Frage der der Republik angelasteten Menschlichkeits-Verbrechen, am 22. Mai 2014. Sie haben die gleichen Vetos erfahren.

Die französischen, türkischen und katarischen Aussagen, nach denen Diplomaten sich der Aufgabe widmeten, um ihre russischen Freunde zu überzeugen, Baschar Al-Assad fallen zu lassen, sind schwachsinnig und die jüngsten Äußerungen von Barack Obama über eine Weiterentwicklung der Positionen der Russischen Föderation und dem Iran sind auch kaum besser. Darüber hinaus war der US-Präsident in der Zwischenzeit damit beschäftigt, die Gegner des Abkommens, das er mit dem Iran verhandelt hatte, einzuschläfern. . Aber es geht hier nicht um den Iran. Nur um die zwei permanenten Mächte des Sicherheitsrats, Russland und China.

Die russischen und chinesischen Interessen


Die Position von Moskau und Peking ist weder eine antiwestliche Prahlerei, noch eine Solidarität zwischen ‚Diktaturen‘, denn so ist es, wie der Westen die Regime dieser Staaten beschreibt. Es ist ein geostrategisches Problem, das auf Jahrhunderte in der Geschichte zurückgeht. Es ist alles anders, als verhandelbar.

Die russische Präsenz im Mittelmeerraum und im Nahen Osten hängt von einem Regime in Damaskus ab, das religiöse Vielfalt respektiert. Sie wäre im Fall einer Machtübernahme durch die Muslimbruderschaft oder eine islamistische Gruppe dieser Bewegung unmöglich. Es war schon zur Zeit der Zarin Katherina II. der Fall, die behauptete, in Syrien den Schlüssel des Nahen Osten für Russland zu sehen und es ist immer noch der Fall für den Präsidenten Putin. Darüber hinaus fühlen sich die Russen, die hauptsächlich orthodox sind und darunter gelitten haben, mit den syrischen, mehrheitlich orthodoxen Christen, solidarisch.

Sicherlich, Russland ist nicht immer in der Lage gewesen, seine Interessen zu verteidigen. So schlug es den syrischen Vorschlag im Jahr 2005 aus, den Hafen von Tartus und 30 km Küste für die Mittelmeer-Flotte zu besetzen - Damaskus hoffte so, einen Krieg zu verhindern, den Washington schon vor den arabischen Frühlingen begonnen hatte vorzubereiten -. Aber damals hatte Russland keine Mittelmeer-Flotte mehr, seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Heute hat sich Russland wieder erholt, seine Seemacht ist wieder hergestellt, und es verwendet tatsächlich den Hafen Tartus.

Um sich zu entwickeln, setzt der chinesische Handel die Sicherung der kontinentalen Straßen voraus, die China bis zum Mittelmeer verbinden. Im Mittelalter errichteten die Chinesen die "Seidenstraße", welche die Hauptstadt dieser Zeit, Xian, mit Damaskus verband. Die Umayyaden, die die islamische Religion gegründet haben, sorgten dafür, dass die anderen lokalen Religionen, das Judentum, der Gnostizismus und das Christentum geschützt waren. Als sie ihre Macht in Zentralasien bis nach Singkiang ausdehnten, handelten sie identisch mit den Religionen des Fernen Ostens - sie waren damals sicher weit entfernt von dem Sektarismus des gegenwärtigen Islams -. Alle Religionen beten auch heute noch jeden Tag in der großen Moschee von Damaskus und eines der Mosaiken würdigt dort eine chinesische Pagode. Um sich zu entwickeln, versucht China heute, wieder "Seidenstraßen“ zu bauen. Es hat dafür die asiatische Investment Bank (AIIB) gegründet.

Man sollte sich nicht irren, die strategische Unterstützung von Moskau und Peking für Damaskus bedeutet nicht, dass sie ihre Truppen zur Verteidigung des Landes gegen die Dschihadisten, die sie ausbluten, einsetzen werden. - Sie taten es nicht und werden es auch nicht tun -; nur werden sie nicht zulassen, dass die westlichen Mächte ihre eigenen Armeen dazu verwenden, um die Arabische Republik Syrien zu zerstören.

Ihrerseits sind die Vereinigten Staaten die dominierende Weltmacht, weil sie den Welthandel zwingen, sich vor allem auf dem Seeweg abzuspielen und mit Hilfe des Vereinigten Königreichs kontrollieren sie und sichern sie alle Ozeane. Deshalb betrachtet Washington sie als wesentlich für die Erhaltung seiner Macht, und versucht die kontinentalen Strecken zu sabotieren [5]. Das Chaos im Irak und der Sturz von Palmyra schneiden die Kommunikationswege über den Süden ab, während das Chaos in der Ukraine den Weg über den Norden abschneidet.

Im syrischen Krieg, unterstützen der Westen und die Golfstaaten die Muslim-bruderschaft, während Russland und China die säkulare Republik unterstützen.

Die Illusionen von Frankreich, Saudi Arabien und der Türkei


Die türkische Regierung, die tatsächlich nichts von der Politik versteht, versuchte zweimal die Vereinigten Staaten in einen offenen Krieg zu treiben. Am 11. Mai 2013 prangerte sie ein großes Attentat auf Reyhanlı an, das sie dem syrischen Geheimdienst zugeschrieb. Recep Tayyip Erdoğan begab sich eilig zu Präsident Obama, um eine Klage zu erheben. Aber dieser war im Voraus durch die CIA gewarnt worden, dass das Attentat, das 51 Türken das Leben und 140 Verletzte gekostet hatte, eine Inszenierung von der Milli İstihbarat Teşkilatı (MIT), eine Operation unter falscher Flagge des türkischen Geheimdienstes war. Seitdem wurden übrigens die Beamten zum Rücktritt gezwungen.

Herr Erdoğan hat vier Monate später rezidiviert, und zwar mit Hilfe von dem Elysee, und den chemischen Angriff in der Ghutta bei Damaskus am 21. August 2013 organisiert. Er wurde sofort vom britischen MI6 durchschaut, und dieser beeilte sich seine amerikanischen Freunde darüber zu informieren. Nach einer cleveren Inszenierung im Unterhaus haben London und Washington Ankara und Paris mit ihren Verbrechen und ihrer Großsprecherei allein gelassen.

Wir können über die Kapazität der Obama-Administration diskutieren, die neue Strategie der Allianz mit dem iranischen schiitischen Klerus zu verteidigen oder jene seiner amerikanischen Gegner, die Strauss’sche Strategie des Umbaus des "Nahen und mittleren Osten" und das generalisierte Chaos weiterzutreiben. Aber, wie auch immer, niemals werden, weder die einen, noch die anderen, den Dschihadisten Krieg durch einen herkömmlichen Konflikt ersetzen. Es ist absurd zu glauben, dass Washington mit einem dritten Weltkrieg gegen Russland und China beginnen wird, für den alleinigen Zweck, Präsident Bachar Al-Assad durch die Muslimbruderschaft zu ersetzen.




Artikel geschrieben von: Thierry Meyssan

Übersetzung von: Horst Frohlich

[1] « Turkey and U.S. Plan to Create Syria ‘Safe Zone’ Free of ISIS », Anne Barnard, Michael R. Gordon & Eric Schmitt, The New York Times, July 27, 2015.

[2] „Clinton, Juppé, Erdoğan, Daesh und die PKK“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 3. August 2015.

[3] „Vereinigtes Königreich und Frankreich bombardieren Daesh in Syrien“, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 24. Juli 2015.

[4] “SAS dress as ISIS fighters in undercover war on jihadis”, Marco Giannangeli and Josh Taylor, Sunday Express, August 1, 2015.

[5] “The Geopolitics of American Global Decline”, by Alfred McCoy, Tom Dispatch (USA), Voltaire Network, 22 June 2015.