Dienstag, 5. Januar 2016

Terroristen stürmen «Tagesschau»-Studio: Darf man das zeigen?

Schock gestern für Millionen von Zuschauern: Kurz nach der Original-«Tagesschau» nahmen im Schweiger-«Tatort» islamistische Terroristen Gefangene. Das wirkte wie live.

Zu real? Die Terroristen nehmen die blonde News-Lady als Geisel. Screenshot ARD

Von Peter Padrutt von Blick.ch   (Artikel ist für Deutschland gesperrt)

Helene Fischer für immer verstummt. Til Schweigers Frau tot. Firat Astans Schädel zertrümmert. Niemand rechnete damit, dass die Brutalität im zweiten Teil der Doppel- Folge mit dem deutschen Bruce Willis noch getoppt werden kann. Doch kurz nach der ARD-«Tagesschau» um 20.15 Uhr stürmten Terroristen das News-Studio. Natürlich war das nur Fiktion. Trotzdem: Diese Angst-Szenen werden zu reden geben – viel zu reden.

Brisante Szenen im neuen «Tatort»:
Vermummte Terroristen stürmen
das «Tagesschau»-Studio.
Til Schweiger liess den zweiten Teil seiner Doppelfolge mit dem Titel «Fegefeuer» für die deutsche Presse bis vor der Ausstrahlung blocken – nicht aber für den BLICK. Die DVD liegt vor mir – unangetastet, es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, so brisante Inhalte im Vorfeld zu verraten. Oder hätte man es trotzdem tun sollen? Wäre die Folge vielleicht nie gezeigt worden?

Es ist tatsächlich brisant, was das Erste da wagte: Die «Tagesschau»-Moderatorin Judith Rakers verabschiedet sich von ihren Zuschauern, stapelt ihre Blätter zusammen. Dann plötzlich verwackelte Bilder, laute Schreie! Männer mit Maschinengewehren stürmen das Studio, nehmen die blonde News-Lady als Geisel. Man sieht, wie sie zu Tode erschrickt. Andere Terroristen rennen in die Regie, nehmen unter Gebrüll weitere Mitarbeiter in ihre Gewalt. Es gibt Panik, die Redaktoren werden auf den Boden gedrückt. «Auf Sendung bleiben», brüllt ein Attentäter. Ein Vermummter eilt vor die Kamera, sagt: «Das ist eine Aktion des tschetschenischen-islamischen Befreiungskampfs. Eine Botschaft an ganz Hamburg. Wir fordern die Übergabe unseres kurdischen Bruders Firat Astan.»

Jetzt ist klar, warum die ARD die Ausstrahlung der Schweiger-Doppelfolgen nach den Terroranschlägen in Paris verschieben liess. Nur wenige Tage nach dem Blutbad in Frankreich und Monate nach den Anschlägen auf «Charlie Hebdo» wäre es pietätlos gewesen, Szenen zu zeigen, die derart ans Limit gehen. Nach Paris hiess es bei der ARD nur, es gebe im «Tatort»-Szenen, die an die Tragödie in Paris erinnern. Dass es sich um die Stürmung des ARD-Studios in Hamburg handelte, verschwieg man.

Darf man aber jetzt so was zeigen – nicht mal drei Monate nach den Anschlägen am 13. November in Paris? Natürlich verhindern starke Sicherheitsmassnahmen, dass dies real passiert. Aber wer es beinahe schafft, ein deutsches Fussballstadion in die Luft zu jagen, könnte sich auch daran versuchen. Die Gefahr ist gross, dass sich Terroristen nach «Charlie Hebdo» nochmals eine Redaktion aussuchen – ein Nachrichtenstudio wäre wohl der grösste Triumph. Weil man damit Millionen Zuschauer erreicht. Übrigens auch viele Hunderttausend in der Schweiz.

Ich habe mich gefragt, was die Kollegen von der ARD zu solchen Szenen sagen. Ob sie das witzig oder blöde finden, oder ob sie sich vielleicht sogar grausam ärgern. Und was sagen die Mitarbeiter der SRF-«Tagesschau» zu solchen Szenen? Immerhin ist das Schweizer TV am «Tatort» beteiligt.

Wenn Til Schweiger herumballert, wenn Gesichter zertrümmert werden und Kreisssägen dröhnen, dann ist das vielleicht okay. Aber es wäre schlimm, wenn es einmal heissen könnte: Was Til Schweiger einst zeigte, haben jetzt Nachahmungstäter umgesetzt. Hier geht es nicht mehr um eine lächerliche Aktion, wie damals, als Vermummte im Studio von Léon Huber ein Plakat enthüllten, auf dem stand. «Freedom and Sunshine for Giorgio Bellini.» Hier geht es um eine ernsthafte Bedrohung. Und um die Frage, ob der «Tatort» so etwas wirklich zeigen soll.