Sonntag, 14. Juni 2015

"Warum ist die Ukraine gespalten" - Eine Reise in die Vergangenheit


Ein Beitrag von:



Ich werde immer wieder gefragt, warum die Ukraine eigentlich so ein gespaltenes Land ist, dass ich mich jetzt dazu entschlossen habe, es -mit meinen eigenen Worten und ohne sehr tief in historische Details zu versinken- zu erklären. 

Vielleicht hilft das ja auch dabei, den Konflikt der -natürlich wissentlich- auf der Basis der letzten Entscheidungen und Handlungen der Übergangsregierung entstehen musste, zu verstehen. 

Die größten Differenzen findet man zwischen dem Westen der Ukraine und dem Osten und Südosten. Schaut man auf die Geschichte des Landes, dann versteht man sehr schnell warum das so ist. 

Der Westteil der Ukraine gehörte ganz früher zu Galizien.. Ostgalizien war die jetzige Westukraine. Zu Galilzien gehörten aber auch Teile von Polen und Ungarn. Es gab Zeiten da gehört das gesamte Galizien zu Polen.. das Gebiet -welches zu dieser Zeit unter polnischer Herrschaft war- erstreckte sich zum Teil sogar bis nach Kiew. 

Auf dem Gebiet der jetzigen Westukraine lebten also sehr viele Polen.. Ungarn.. Deutsche, Juden und Russen. Das Gebiet lebte vorrangig von der Landwirtschaft, aber nur sehr wenige Menschen hatten damals auch eigenes Land. d.h. sie waren eigentlich Leibeigene und wurden natürlich böse ausgebeutet. Der Traum von der Befreiung von der Unterdrückung und vor allem der Traum von einem eigenen Staat begann also früh.. lange vor dem 1.Weltkrieg. 

Das ständige Erobern von-.. und Kämpfen um- Ostgalizien durch andere Länder, ließ es auch nicht zu, dass sich in diesem Teil eine eigene Tradition und Kultur entwickelte (eigentlich ist es eher eine Art Folklore die z.T. von Ungarn übernommen wurde) 

Es gab Zeiten, da lebten in Ostgalizien -der jetzigen Westukraine- über 60% Analphabeten, erst später entwickelte sich Städte wie z.B. Lemberg zu einer Art "Universitätsstadt" welches aber mit den Professorenmorde (einfach mal googeln) ein hartes Ende nahm. 

Eines aber lebte in all den Jahren hindurch.. der Traum vom eigenen Staat. Auf welche Tradition und Grundlage man den auch immer aufbauen wollte, war nie ersichtlich, denn Ostgalizien war ziemlich multikulturell, dennoch wurde man mehr und mehr nationalistisch und teilweise sogar besessen von der Idee, obwohl es überhaupt keine Kompetenzen gab, die diesen Traum hätten verwirklichen können.

Als im 2.Weltkrieg dann Hitler in Richtung Russland marschierte, sah vor allem die Westukraine mit ihrem damaligen "Führer" Bandera die Chance auf den eigenen Staat.. und nachdem Bandera Trainingslager in Zusammenarbeit mit Hitler in Deutschland nutzte (da wurde auch der heutige Schlachtruf "Slava Ukraine" in Anlehnung an "Heil Hitler" kreiert) ...um seine Leute für den Krieg gegen den großen Feind Russland -das ja zu diesem Zeitpunkt bereits andere Teile der jetzigen Ukraine unter seinem Einfluss hatte- zu führen, wurde ihm sogar (so wurde es zumindest überliefert) Hoffnung auf den eigenen Staat gemacht. 

Deshalb empfing man Hitler im Westteil der Ukraine damals mit offenen Armen, nach der ersten Säuberungsaktion durch Hitler -der vor allem sehr viele Juden zum Opfer fielen- war man zwar nicht mehr so begeistert, aber Russland wollte man auf keinen Fall angehören. Der jahrelange Einfluss Polens mit seinem ausgeprägten Hass gegen die Russen damals, hatte die notwendige russenfeindliche Gesinnungsarbeit geleistet. Und so säuberte man die Region schließlich gemeinsam mit Hitler.. von Tausenden Russen, Juden und Polen.

Als Hitler merkte, dass es Bandera offensichtlich ernst war, mit dem Wunsch nach einem eigenen Staat, wurde Bandera kurzerhand verhaftet und ins KZ Sachsenhausen gesteckt. Denn Hitler hatte damals ganz andere Pläne, wollte er doch die Westukraine mit tausenden Deutschen neu besiedeln. Ein eigenständiger Staat wäre da nur im Wege gewesen. 

Als der 2.Weltkrieg zu Ende war, veränderte sich natürlich alles. Die Grenzen wurden neu festgelegt und Ostgalizien wurde der Sowjetunion zugeteilt, während der Westteil von Galizien Polen zugeordent wurde. 

Der 9.Mai war für die Russen der Tag des Sieges.. für die Nationalisten in der Westukraine war es der Beginn der Besatzung durch Russland. Auch wenn das so nicht stimmt.. da die Westukraine nie ein eigener Staat war, sieht man es bis heute dort so! 

Diese Geschichtsbewusstsein wurde von Generation zu Generation weiter gegeben und der Hass gegen die Russen wurde stetig gefüttert. Auch wenn es vor allem die Polen waren, die gerade Ostgalizien schweres Leid zufügten und schlimme Kämpfe um dieses Gebiet begannen, sind die Polen den Westukrainern heute näher als die Russen. Unverständlich, aber wahr. Der Hass gegenüber Russland ist nach wie vor allgegenwärtig!

Nach der orangen Revolution reformierte man das Bidungssystem und die alten Geschichten wurden wieder Teil des Unterrichts. Wahrheiten wie z.B. die Ereignisse des "vaterländichen Krieges", ließ man ganz wegfallen oder verfälschte die Ereignisse. Säuberungsaktionen durch Hitler und Bandera kommen in den Geschichtsbüchern nicht mehr vor. Man lehrt dort weiterhin den Holodomor durch Stalin (Tötung durch Hunger) obwohl das mittlerweile mehrfach widerlegt wurde. Und genug Aufzeichnungen darüber Aufschluss geben, dass es z.T. auch die Bauern waren, die ihre Ernte nicht weiter gaben, als Rache dafür, dass sie alle verstaatlicht werden sollten und deshalb lieber ihre Ernte vernichteten und andere Aspekte eine ebenso große Rolle bei der Hungsnot 1930-31 spielten (aber auch die westliche Propaganda stellt das bis heute nicht richtig dar)

Hitler wird -vor allem in der Westukraine- weiter als Befreier angesehen, obwohl er dafür sorgte, dass Bandera eliminiert wurde.. (aber dieses Bewusstsein haben die Wenigsten dort) und der Hass gegen die Russen wird stetig gefüttert. 

Wie also soll dieses Land sich jemals einheitlich für die russische Förderation oder den Beitritt zur EU entscheiden können? Das ist nahezu unmöglich, vor allem mit dieser Regierung. Das hätte "ALLEN" Beteiligten von Anfang an klar sein müssen.. Und das war es auch sicherlich.. somit ist das was jetzt in der Ukraine geschieht, wohl kaum eine Überraschung.. sondern -man kann vermuten- eher gewollt!

PS: ich habe wie bereits erwähnt, einige Details ausgelassen. nicht weil sie unwichtig sind, sondern weil sie für das Grundverständnis der Ursache der Spaltung des Landes keine große Rolle spielen. Wer sich für die Geschichte im Detail interessiert, findet im Netz sehr viele Ausarbeitungen! 

Nachtrag: (von Julia Jakob)


Dazu muss man noch erwähnen, dass der Rest der Ukraine - also Zentral-, Ost- und Südgebiete zum Großreich Russland seit Anbeginn der Geschichte gehörten (eigentlich die Wiege des Südrusslands, der Kiewer Rus´). 

Ukraine bedeutet soviel wie "Randgebiet" oder Grenzgebiet. Die eigentlich ukrainische und die russische Sprachen unterscheiden sich auch nur so gering voneinander, dass man mühelos sich versteht und je nach Gebieten verschmelzen sich die beiden Sprachen. 

Auf dem Land und in älteren Literaturwerken spricht man oft das alte Russisch, dass unheimlich viel von dem heutigen Ukrainisch beinhaltet. Das sind wie zwei Dialekte einer und derselben Sprache. 

Damit ist aber nicht die künstlich erschaffenen "ukrainische Sprache" aus Galizien gemeint, die jetzt von Nationalisten der ganzen Ukraine aufgezwungen wird als einzig richtige. Es ist, als ob Mecklenburg-Vorpommern dem gesamten Deutschland Plattdeutsch aufzwingen wollte mit der Behauptung DAS wäre die einzig richtige deutsche Sprache. 

Die meisten Städte in Ost- und Südukraine, wie Odessa, Charkow, Donezk, Mariupol usw, wurden zur Zeiten der Katharina der II und danach gebaut, natürlich durch Großreich Russland. Das Land wurde´schon damals wie auch heute ebenfalls multikulturell besiedelt: Ukrainer und Russen (wobei die Grenze zwischen beiden kaum zu ziehen ist), Juden, Tataren und sehr viele Deutsche, die Katharina die II nach Ukraine und in südlichen Wolga-Gebiet (Südrussland) geholt hat. 

Ein überwiegend friedliches Multi-Kulti. Zusätzlich wurde diese Vielfalt durch freie Kosaken-Siedlungen erweitert, die seit Urzeiten sich über die Staatsgrenzen hinwegsetzten und mal mit Rußland, mal mit Polen kooperierten. Das waren kriegerische slawische Familienklans, die in Grenzgebieten wohnten und Freiheit und Unabhängigkeit von ALLEN über alles stellten, hin und wieder mal doch Treue den russischen Zaren schwörten und sich in ihre Dienste sich, als Kosaken-Armeen. 

Das war und ist Zentral-, Ost- und Südukraine, die gar so anders als Galizien ist


Religiös gesehen verlaufen auch sehr scharfe Grenzen zwischen den beiden Gebieten: Galizien ist Griechisch-Katholisch, der Rest - Russisch-Orthodox. Das war zur Sowjetzeiten kein großes Thema, wurde aber seit Wiedererstärkung der Religiosität zum großen Problem, da katholische Priester zur "Befreiung" der Ukraine von Russen und anderem "Ungeziefer" aufrufen und Nationalisten verstärkt orthodoxe Kirchen und Kloster angreifen. 

Das wiederum wird von der orthodoxen Bevölkerung als schwere Beleidigung und Provokation aufgefasst und schürt zusätzlich Rachelust. In Odessa haben die überlebten Augenzeugen berichtet, dass der anwesender orthodoxe Priester besonders brutal von Nationalisten ermordet wurde, mit Axt Hände abgehackt usw. 

Wenn schon geschichtlich immer ein tiefer Spalt zwischen galizischen Westukraine und Ukraine im eigentlichen Sinne (auch Novorossija) verlief, so ist es heute ein tiefer Graben gefüllt mit Blut und Hass und Rachesehnsucht. 

Mich wundert es immer wieder, wie Sozialismus es immer schaffte alle zu vereinen und zu befrieden und zu verbrüdern. Auch diejenigen, die davor eigentlich nicht viel mit einander zu tun hatten. Alle waren auf einmal Brüder und Freunde und übten Solidarität und Kulturaustausch. Und wie "Demokratie" und "Freiheit" es schafft, sogar Brüder und Schwester so dermaßen von einander zu spalten und zu zerstreiten, dass Brüdermord beginnt und ein Krieg nach dem anderen aufflammt und Hass und Neid über alles herrschen.