Mittwoch, 18. November 2015

Zwangswirtschaft – die deutsche Form des Sozialismus

Ludwig von Mises (1881 - 1973)


Ein Leserbrief von Ludwig von Mises in der New York Times vom 18. Juni 1942.

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Das Reich erleidet einen großen Schock

Die neue Wertpapierverordnung ist wie ein Schlag gegen das System

An den Herausgeber der New York Times:

Die Verordnung des Reichsfinanzministeriums über den Handel von Aktien und Anleihen kann als ein erster Schritt hin zu tiefgreifenden Veränderungen in der deutschen Wirtschaftsordnung verstanden werden.

Die deutsche Form des Sozialismus (Zwangswirtschaft) ist dadurch gekennzeichnet, dass sie, wenn auch nur nominell, einige Institutionen des Kapitalismus beibehält. Arbeit ist selbstredend kein „wirtschaftliches Gut“ mehr, der Arbeitsmarkt wurde mit pathetischen Worten abgeschafft, die Regierung setzt Löhne fest und weist jedem Arbeiter eine Arbeitsstelle zu. Das Privateigentum bleibt nominell unberührt. Tatsächlich aber sind die vormaligen Unternehmer auf den Status von Betriebsführern degradiert worden. Die Regierung gebietet ihnen, was und wie sie produzieren sollen, zu welchen Preisen sie von wem einkaufen sollen und zu welchen Preisen sie an wen verkaufen sollen. Unternehmen mögen gegen unzweckmäßige Anordnungen protestieren, die finale Entscheidung bleibt aber bei den Behörden.

Genehmigung erforderlich


Es ist die Aufgabe des Händlers, Handel mit dem Ausland zu treiben; all diese Handlungen bedürfen jedoch einer behördlichen Genehmigung. Die Regierung überwacht die Banken und setzt die Zinssätze fest. Kapitalgesellschaften und Unternehmen ist es gestattet, Gewinne zu erwirtschaften, es ist ihnen aber nicht gestattet, sie so zu verwenden, wie sie es möchten. Dividenden sind auf sechs Prozent begrenzt. Die Verwendung des nicht ausgeschütteten Überschusses ist der Kontrolle der Regierung unterworfen. Je größer also die Gewinne werden, desto größer sind die Mittel, über die die Regierung frei nach ihrem Willen verfügen kann. Auch private Investoren sind nicht frei. Ihre Ausgaben dürfen einen festgeschriebenen Umfang nicht überschreiten und der Rest muss auf die eine oder andere Weise so investiert werden, wie es die Regierung vorschreibt.

Den Devisenmarkt und das Unternehmertum gibt es nur noch auf dem Papier. Die Regierung, nicht mehr die Wünsche der Konsumenten, leiten die Produktion; die Regierung, nicht der Markt, bestimmen das Einkommen und die Ausgaben jedes Bürgers. Dies ist Sozialismus im Gewand des Kapitalismus – vollumfängliche Planung und totale Überwachung aller wirtschaftlichen Aktivitäten durch die Regierung. Einige Bezeichnungen einer kapitalistischen Marktwirtschaft wurden beibehalten, aber sie bezeichnen etwas vollkommen anderes, als sie es in einer echten Marktwirtschaft tun würden.

Dieses System des deutschen Sozialismus unterscheidet sich von dem vollständig bürokratisierten russischen Modell. In Russland sind alle Unternehmen staatliche Dienststellen, so wie es in anderen Ländern die Verwaltungen der Armee oder des Postwesens sind. Jede einzelne Fabrik, jedes Geschäft oder jeder landwirtschaftliche Betrieb steht in der gleichen Beziehung zum übergeordneten Amt des Zentralorgans, wie eine Poststelle zum Postminister. Die Umsetzung der beiden Modelle in den jeweiligen Ländern ist nicht so rigide, als dass sie keine Ausnahmen erlauben würde.

Beamte sind verantwortlich


Auch in Deutschland gibt es Fabriken und Geschäfte, die direkt durch Beamte geführt werden. So gibt es beispielsweise die Reichsbahn, staatliche Kohleminen, die staatlichen Telegrafen- und Telefonleitungen, usw. Ein Großteil dieser Institutionen sind die Überreste einer durch Reformsozialisten vorangetriebenen Verstaatlichungswelle der kaiserlichen Regierung Ende des 19. Jahrhunderts. Auf der anderen Seite gibt es in Russland scheinbar unabhängige Geschäfte und landwirtschaftliche Betriebe, es gibt Kredit- und Zinszahlungen sowie Staatsanleihen. Aber solche Ausnahmen lassen die allgemeinen Charakteristiken der beiden Systeme nicht verschwinden.

Es ist kein Zufall, dass Russland ein bürokratisches Modell und Deutschland ein Modell der Zwangswirtschaft angenommen hat. Russland als flächenmäßig größtes Land der Welt ist nur spärlich besiedelt. Es ist das ressourcenreichste Land der Erde und ist von der Natur besser ausgestattet worden als jedes andere Land der Erde. Es kann sich, ohne seine Bevölkerung zu stark zu belasten, vom internationalen Handel abkoppeln und beinahe autark leben. Für Deutschland ist das anders. Deutschland kann seine Bevölkerung durch heimische Erzeugnisse weder ernähren, noch ankleiden. Es muss Nahrungsmittel und Rohstoffe importieren und um diese dringend benötigten Importe zu bezahlen, muss es industrielle Erzeugnisse exportieren, die es wiederum aus den importierten Rohstoffen erzeugt. 1937 waren schätzungsweise 92 Prozent seiner Importe Nahrungsmittel und Rohmaterialien und ungefähr 80 Prozent seiner Exporte industrielle Erzeugnisse.

Bürokraten taugen nichts


Dem russischen Beispiel zu folgen, hätte den Aufbau der deutschen Exportwirtschaft in Stücke gerissen und den Lebensstandard einer ganzen Nation, der durch den Kapitalismus erfolgreich gehoben wurde, schlagartig ins Elend gestoßen. Bürokraten können nicht erfolgreich in ausländischen Märkten konkurrieren. Sie wissen nicht, wie sie den Konsumenten am besten dienen können. Ihre Untergebenen haben keine Wahl, sie müssen das akzeptieren, was ihnen die Bürokraten zuteilen. Aber Bürger ausländischer Staaten sind frei darin, sich für bessere und billigere Waren von leistungsfähigeren Kaufleuten zu entscheiden. Daher sah man in Deutschland keine Alternative zu der Zusammenarbeit mit den ehemaligen Unternehmern und jetzigen Betriebsführern.

Zu Anfang funktionierte der Nationalsozialismus so gut wie ein sozialistisches System nur funktionieren kann. Aber der Krieg und die wirkungsvollste Waffe der Alliierten, die Blockade, haben ihn beeinträchtigt. Arbeitskräfte sind Mangelware und die schlechte Ernährung der Arbeiter hat die pro Kopf Leistung gesenkt. Der Einsatz von Kriegsgefangenen und ausländischen Arbeitern ist ein unzureichender Ersatz. Die wachsende Verwendung von Ersatzstoffen, anstelle der eigentlich dafür geeigneten Materialien, macht die Produktion mangelhaft. Daraus resultieren Konflikte zwischen der Regierung und den Betriebsführern. Sie werfen sich gegenseitig vor, für den Mangel verantwortlich zu sein. Die Nationalsozialisten wenden ihr Patentrezept brutal an. Vor kurzem wurde über die Exekution von zwei hochangesehenen Betriebsführern berichtet.

Aber selbst solch drastische Maßnahmen haben ihre Wirkung verfehlt. Die Betriebsführer sind sich inzwischen vollkommen darüber bewusst, dass der Krieg in der Niederlage und dem Fall der derzeitigen Machthaber enden wird und sie wehren sich lautstark gegen die inkompetente Bürokratie der Nationalsozialisten. Sie verlassen sich auf ihre Unersetzbarkeit und sind nicht länger so unterwürfig und entgegenkommend wie sie es einst waren. Ihre Haltung ist eine Belastung für die gottgleichen Parteimagnaten.

Ein noch größeres Unglück aus Sicht der Partei ist der Umstand, dass Unternehmen und private Investoren von ihrem letzten Recht Gebrauch machen, an der Börse zwischen den dort gehandelten unterschiedlichen Wertpapieren zu wählen – aus der Sicht des nationalsozialistischen Regimes ist dies ein krimineller Missbrauch ihrer Rechte. Die Investoren bevorzugen Aktien und Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen. Die Regierung versucht mit allen Mitteln, einen Boom an den Aktienmärkten zu verhindern; sie hat Angst vor der Reaktion der Öffentlichkeit, die immer noch die Erlebnisse der verheerenden Inflation in Erinnerung hat.

Die neue Verordnung schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Die bisher erhaltenen Berichte sind nicht eindeutig. Einer Version zufolge sind alle Halter von Aktien und Unternehmensanleihen dazu verpflichtet, ihre Beteiligungen an die Reichsbank zu übereignen. Einem anderen Bericht nach ist nur der Verkauf von solchen Wertpapieren an andere Käufer als das Reich verboten. Wie auch immer wurde dem sich abzeichnendem Boom ein wirksamer Riegel vorgeschoben. Zusätzlich wird jeder leitende Angestellte eines Unternehmens in Zukunft direkt abhängig von den Staatsbeamten in der Reichsbank sein. Da Deutschland keine Güter mehr in Länder exportiert, die frei mit anderen Lieferanten Handel treiben können, sind die Fähigkeiten und Erfahrungen der vormaligen Unternehmer nicht mehr von Nöten. Das Reich vertraut darauf, seinen ganzen Produktionsapparat auf bürokratische Art und Weise führen zu können. In einem ersten Schritt hat es sich damit in Richtung des bürokratischen Sozialismus russischen Stils bewegt.

Das System ist angeschlagen


Es ist wahrscheinlich, dass die Betriebsführer versuchen werden, die Regierung davon zu überzeugen, dass ihre Ausschaltung den Kriegsbemühungen des Landes schaden wird und sie darum bitten werden, die Verordnung zurückzunehmen oder sie zu überarbeiten. Trotzdem hat das System des deutschen Sozialismus seinen ersten Tiefschlag erhalten.

Der Zustand der Agrarproduktion ist nicht weniger mangelhaft als der der industriellen Produktion und der des Bergbaus. Aber selbst die Nationalsozialisten sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht in der Lage, sich gegen die Bauernschaft durchzusetzen. Der Konflikt zwischen den Unternehmen und der Regierung ging zu Gunsten der Regierung aus; die Zukunft wird zeigen, ob es sich um einen Pyrrhussieg handelt. Im Hinblick auf die Landwirtschaft verhielt es sich anders. Herr Darre [von 1933 bis 1942 Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft; Anm. d. Übersetzers], einer der Großen in der Partei, musste zurücktreten.

Die neue Wertpapierverordnung und der Rücktritt von Herr Darre zeigen, dass die Wirtschaftsordnung des Reiches bis in seine Grundfesten erschüttert wurde. Es ist daher zweifelhaft, ob seine fortschreitende Zersetzung durch ein waghalsiges Experiment in einer militärisch äußerst angespannten Lage aufgehalten werden kann. Die Räder drehen sich nicht leichter, wenn sie von Bürokraten angetrieben werden.

Ludwig von Mises
New York, 18. Juni 1942

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Aus dem Englischen übersetzt von Arno Stöcker.