Montag, 24. August 2015

Geheimakte Rudolf Hess - Die Wahrheit (Langfassung)




Rudolf Heß war Reichsminister ohne Geschäftsbereich und wurde von Adolf Hitler zu seinem Stellvertreter ernannt. In Nürnberg wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt, in der er 1987 Selbstmord beging.

Ein Film von Prof. Dr. Michael Vogt


(Langfassung der damals noch ausgestrahlten N-TV-Doku)



VORSITZENDER: Ich rufe den Angeklagten Rudolf Heß.

RUDOLF HESS: Vorweg äußere ich die Bitte an das Gericht, im Hinblick auf meinen Gesundheitszustand sitzenbleiben zu dürfen.

VORSITZENDER: Ja, gewiß.

HESS: Einige meiner Kameraden hier können bestätigen, daß ich bereits zu Beginn des Prozesses folgendes voraussagte: Erstens: Es würden hier Zeugen auftreten, die unter Eid unwahre Aussagen machen, dabei könnten diese Zeugen einen absolut zuverlässigen Eindruck machen und über den besten Leumund verfügen. Zweitens: Es sei damit zu rechnen, daß dem Gericht eidesstattliche Versicherungen vorgelegt werden, die unwahre Angaben enthalten. Drittens: Die Angeklagten würden mit einigen deutschen Zeugen erstaunliche Überraschungen erleben. Viertens: Einige Angeklagte würden ein eigenartiges Verhalten zeigen. Sie würden schamlose Äußerungen über den Führer machen. Sie würden ihr eigenes Volk belasten. Sie würden sich gegenseitig zum Teil belasten, und zwar falsch. Vielleicht sogar würden sie sich selbst belasten, und zwar falsch. 

Alle diese Voraussagen sind eingetroffen, und zwar – soweit sie die Zeugen und eidesstattlichen Versicherungen betreffen – in Dutzenden von Fallen; Fälle, in denen der eindeutige Eid der Angeklagten deren eidlicher Aussage gegenübersteht. Ich spreche nur den Namen Messersmith in diesem Zusammenhang aus. Mr. Messersmith, der zum Beispiel Großadmiral Dönitz in Berlin zu einer Zeit gesprochen haben will, wo dieser sich auf dem Stillen Ozean oder auf dem Indischen Ozean – meines Wissens – befand.

Ich habe diese Voraussagen aber nicht nur hier zu Beginn des Prozesses gesagt und gemacht, sondern bereits Monate vor Beginn des Prozesses in England unter anderem dem bei mir befindlichen Arzt Dr. Johnston gegenüber in Abergavenny.

Ich habe zum gleichen Zeitpunkt damals bereits diese Voraussagen schriftlich niedergelegt, nachweisbar. Ich fuße mit meinen Voraussagen auf einigen Vorgängen in außerdeutschen Ländern. Dabei möchte ich jetzt schon betonen, wenn ich diese Vorgänge erwähne, bin ich von vornherein überzeugt, daß die betreffenden Regierungen nichts von diesen Vorgängen gewußt haben. Ich erhebe daher auch keinen Vorwurf gegen diese Regierungen.

In den Jahren 1936 bis 1938 fanden in einem dieser Länder politische Prozesse statt. Diese waren dadurch gekennzeichnet, daß die Angeklagten sich in einer erstaunlichen Weise selbst bezichtigten, zum Teil haben sie ganze Reihen von Verbrechen aufgezählt, die sie begangen hatten oder von denen sie behaupteten, sie begangen zu haben. Als zum Schluß ein Todesurteil oder Todesurteile gegen sie gefällt wurde, klatschten sie frenetisch Beifall zum Staunen der Welt. Einige ausländische Berichterstatter, Presseberichterstatter, aber berichteten, man habe den Eindruck gehabt, daß diese Angeklagten durch ein bisher unbekanntes Mittel in einen anomalen Geisteszustand versetzt worden seien, demzufolge sie sich verhielten, wie sie sich verhielten. 

Ich wurde an diese Vorgänge aus einem bestimmten Anlaß an England erinnert. Es war mir nicht möglich, dort die Berichte aus den damaligen Prozessen noch einmal zu bekommen, so wenig wie hier. Wohl aber standen mir hier die entsprechenden Jahrgänge des »Völkischen Beobachters« zur Verfügung. Bei Durchsicht derselben bin ich auf folgende Stelle gestoßen, und zwar in der Nummer vom 8. März 1938. Hier heißt es in einem Bericht aus Paris, datiert 7. März 1938, wie folgt:

Die große Pariser Zeitung »Le Jour« habe Enthüllungen gebracht über das Mittel, das anscheinend verwandt wurde in den besagten Prozessen. Es handelt sich um ein geheimnisvolles Mittel. Wörtlich heißt es: ich zitiere hier wörtlich, was der »Völkische Beobachter« aus »Le Jour« bringt: »Das Mittel gewährt die Möglichkeit, die ausersehenen Opfer handeln und sprechen zu lassen ganz nach ihnen gegebenen Befehlen.«

Ich betone und weise darauf hin, daß es in diesem Bericht der Zeitung »Le Jour« nicht nur heißt »sprechen zu lassen nach ihnen gegebenen Befehlen«, sondern auch »handeln zu lassen nach ihnen gegebenen Befehlen«. Letzteres ist von unerhörter Wichtigkeit im Hinblick auf das Handeln, das bisher unerklärliche Handeln des Personals der deutschen Konzentrationslager einschließlich der Wissenschaftler und Ärzte, die die furchtbaren, grausamen Versuche an den Häftlingen gemacht haben; Vorgänge, die normale Menschen, besonders aber Wissenschaftler und Ärzte unmöglich sich leisten können.

Dies ist aber auch von ebenso großer Bedeutung im Hinblick auf das Handeln der Personen, die zweifellos die Befehle und Weisungen gegeben haben zu den Greueln in den Konzentrationslagern und die Befehle gegeben haben zum Erschießen von Kriegsgefangenen, zur Lynchjustiz und ähnlichem mehr bis herauf zum Führer selbst.

Ich erinnere daran, daß der Zeuge, Generalfeldmarschall Milch, hier ausgesagt hat, er habe den Eindruck gehabt, daß der Führer die letzten Jahre geistig nicht normal gewesen sei, und eine Reihe meiner Kameraden hier haben mir unabhängig voneinander und ohne daß sie von dem wußten, was ich jetzt hier aussage, gesagt, daß der Gesichtsausdruck und Augenausdruck des Führers in den letzten Jahren etwas Grausames hatte, ja einen Hang zum Wahnsinn hatte. Ich kann die betreffenden Kameraden als Zeugen benennen.

Ich sagte zuvor, daß ein bestimmter Anlaß in England mich veranlaßte, an die Berichte zu denken aus den damaligen Prozessen. Der Anlaß war, daß meine Umgebung während meiner Gefangenschaft sich in einer eigenartigen und unverständlichen Weise mir gegenüber verhielt, in einer Weise, die darauf schließen ließ, daß diese Menschen irgendwie in einem geistig anomalen Zustand handelten. Diese Menschen und Personen meiner Umgebung wurden von Zeit zu Zeit ausgetauscht. Dabei hatten einige der Ausgetauschten und neu zu mir Kammenden eigenartige Augen. Es waren glasige und wie verträumte Augen. Dieses Symptom hielt aber nur wenige Tage an; dann machten sie einen völlig normalen Eindruck. Sie waren von normalen Menschen nicht mehr zu unterscheiden.

Nicht nur ich allein habe diese eigenartigen Augen bemerkt, sondern auch der damals bei mir befindliche Arzt Dr. Johnston, ein britischer Militärarzt, ein Schotte.

Es kam nämlich im Frühjahr 1942 ein Besucher zu mir, der ganz offensichtlich mich zu provozieren suchte und sich in einer eigenartigen Weise mir gegenüber verhielt. Dabei hatte auch dieser Besucher diese eigenartigen Augen. Hinterher frug mich Dr. Johnston, was ich von diesem Besucher hielte. Ich sagte ihm, ich hätte den Eindruck gehabt, daß er aus irgendeinem Grunde nicht geistig vollkommen normal war, worauf Dr. Johnston nicht etwa, wie ich erwartet hatte, protestierte, sondern seinerseits zustimmte, ob mir nicht diese eigenartigen Augen aufgefallen seien, diese wie verträumten Augen. Dr. Johnston ahnte nicht, daß er selbst, als er zu mir kam, genau die gleichen Augen hatte.

Das Wesentliche ist aber, in einem der damaligen Berichte, die in den Pressearchiven noch zu finden sein müssen – es handelt sich um Prozesse in Moskau – hieß es, daß die Angeklagten eigenartige Augen gehabt hätten. Sie hätten wie verglaste und verträumte Augen gehabt! Ich sagte bereits, daß ich die Überzeugung habe, daß die betreffenden Regierungen nichts von den Vorgängen wußten. Es würde daher auch nicht im Interesse der Britischen Regierung gelegen sein, wenn bei meinen Ausführungen über das, was ich während meiner Gefangenschaft erlebt habe, etwa die Öffentlichkeit ausgeschlossen würde; denn es würde dadurch der Eindruck entstehen, als ob doch tatsächlich hier etwas vertuscht werden sollte, oder tatsächlich die Britische Regierung ihre Hände im Spiel gehabt hätte.

Ich bin aber im Gegenteil überzeugt, daß sowohl die Regierung Churchill wie auch die jetzige Regierung Weisung gab, daß ich fair bis zum letzten und nach den Regeln der Genfer Konvention behandelt werde. Ich bin mir darüber bewußt, daß das, was ich auszusagen habe über die mir zuteil gewordene Behandlung fürs erste unglaubwürdig scheint. Zu meinem Glück haben aber schon au einem sehr viel früheren Zeitpunkt Gefangenenwärter ihre Gefangenen in einer Weise behandelt, die fürs erste absolut unglaubhaft schien, als die ersten Gerüchte darüber in die Welt drangen.

Die Gerüchte lauteten dahin, daß man absichtlich Gefangene habe verhungern lassen, daß man in die geringe Kost, die man ihnen gegeben habe, unter anderem gemahlenes Glas gegeben habe, daß die Ärzte, die die Gefangenen, die auf diese Weise erkrankt waren, behandelten, den Medikamenten schädliche Stoffe beifügten, wodurch die Leiden erhöht und die Zahl der Opfer desgleichen erhöht wurde. Tatsächlich haben all diese Gerüchte sich hinterher als richtig herausgestellt. Es ist historische Tatsache, daß ein Denkmal errichtet wurde für 26370 burische Frauen und Kinder, die in britiwchen Konzentrationslagern starben, und zwar größtenteils verhungerten. Viele Engländer, unter anderem Lloyd George, haben damals schärfstens gegen diese Vorgänge in diesen britischen Konzentrationslagern protestiert, desgleichen auch die englische Augenzeugin Miß Emily Hopfords.

Die Welt stand aber damals vor einem unerklärlichen Rätsel, vor dem gleichen Rätsel, vor dem heute die Welt steht hinsichtlich der Vorgänge in den deutschen Konzentrationslagern.

Das englische Volk stand damals vor einem unerklärlichen Rätsel, vor dem gleichen Rätsel, vor dem heute das deutsche Volk steht hinsichtlich der Vorgänge in den deutschen Konzentrationslagern. Ja selbst die Britische Regierung stand damals hinsichtlich der Vorgänge in den südafrikanischen Konzentrationslagern vor einem Rätsel, vor dem gleichen Rätsel, vor dem heute die Angehörigen der Reichsregierung und die übrigen Angeklagten hier und in anderen Prozessen stehen hinsichtlich der Vorgänge in den deutschen Konzentrationslagern.

Es wäre selbstverständlich von höchster Bedeutung gewesen, daß ich das, was ich zu sagen habe über die Vorgänge während meiner eigenen Gefangenschaft in England unter Eid ausgesagt hätte. Es war mir aber unmöglich, meinen Verteidiger dazu zu bringen, sich bereit zu erklären, die entsprechenden Fragen an mich zu stellen. Ebenso ist es mir unmöglich gewesen, einen anderen Verteidiger dazu zu bestimmen, die entsprechenden Fragen an mich zu stellen. Es ist aber von höchster Bedeutung, daß das, was ich sage, unter Eid gesagt habe. Daher erkläre ich nunmehr:


[Der Angeklagte Heß erhebt sich.]


»Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzufügen werde.«

Ich bitte das Hohe Gericht, alles, was ich weiter sage, daher als unter meinem Eid stehend anzusehen.

[Der Angeklagte Heß setzt sich wieder.]


Zwischenfügen möchte ich noch hinsichtlich meines Eides: Ich bin kein kirchlicher Mensch; ich habe kein inneres Verhältnis zu den Kirchen, aber ich bin ein tief religiöser Mensch. Ich bin überzeugt, daß mein Gottglaube stärker ist, als der der meisten anderen Menschen. Um so höher bitte ich das Gericht zu werten, was ich unter Eid, unter ausdrücklicher Berufung auf Gott, aussage:

[Zu Göring gewandt:]


Bitte unterbrich mich nicht.

Im Frühjahr 1942 trat bei mir...

VORSITZENDER: Ich muß die Aufmerksamkeit des Angeklagten Heß darauf lenken, daß er bereits 20 Minuten gesprochen hat. Der Gerichtshof hat den Angeklagten gesagt, daß er ihnen in diesem Stadium des Prozesses nicht gestatten kann, Erklärungen von großer Länge abzugeben.

Wir müssen alle Angeklagten hören. Der Gerichtshof hofft deshalb, daß der Angeklagte Heß seine Rede zum Abschluß bringen wird.

HESS: Herr Präsident! Ich darf darauf aufmerksam machen, daß ich damit gerechnet habe, daß ich der einzige Angeklagte bin, der bisher in keiner Weise noch hier sich äußern konnte. Denn das, was ich hier zu sagen habe, hätte ich als Zeuge nur dann sagen können, wenn entsprechende Fragen an mich gerichtet worden wären. Wie ich aber bereits ausführte...

VORSITZENDER: Ich beabsichtige nicht, mich mit dem Angeklagten auf Argumente einzulassen. Der Gerichtshof hat verfügt, daß die Angeklagten nur kurze Erklärungen abgeben dürfen. Der Angeklagte Heß hatte volle Gelegenheit, in den Zeugenstand zu gehen und unter Eid auszusagen. Er entschied sich dahin, dies nicht zu tun. Jetzt gibt er eine Erklärung ab; er wird ebenso wie die anderen Angeklagten behandelt und auf eine kurze Erklärung beschränkt wer den.

HESS: Ich werde daher, Herr Präsident, auf meine weiteren Ausführungen, die ich in dem Zusammenhang mit dem, was ich eben sagte, machen wollte, verzichten. Ich bitte, bloß noch ein paar Schlußworte anzuhören, die mehr allgemeiner Art sind, mit dem, was ich eben gesagt habe, nichts zu tun haben.

Feststellungen, die mein Verteidiger in meinem Namen vor diesem Gericht traf, ließ ich um des dereinstigen Urteils meines Volkes und um der Geschichte willen treffen. Nur dieses ist mir wesentlich.

Ich verteidige mich nicht gegen Ankläger, denen ich das Recht abspreche, gegen mich und meine Volksgenossen Anklage zu erheben. Ich setze mich nicht mit Vorwürfen auseinander, die sich mit Dingen befassen, die innerdeutsche Angelegenheiten sind und daher Ausländer nichts angehen. Ich erhebe keinen Einspruch gegen Äußerungen, die darauf abzielen, mich oder das ganze deutsche Volk in der Ehre zu treffen. Ich betrachte solche Anwürfe von Gegnern als Ehrenerweisung. Es war mir vergönnt, viele Jahre meines Lebens unter dem größten Sohne zu wirken, den mein Volk in seiner tausendjährigen Geschichte hervorgebracht hat. Selbst wenn ich es könnte, wollte ich diese Zeit nicht auslöschen aus meinem Dasein.

Ich bin glücklich, zu wissen, daß ich meine Pflicht getan habe meinem Volk gegenüber, meine Pflicht als Deutscher, als Nationalsozialist, als treuer Gefolgsmann meines Führers. Ich bereue nichts.

Stünde ich wieder am Anfang, würde ich wieder handeln wie ich handelte, auch wenn ich wüßte, daß am Ende ein Scheiterhaufen für meinen Flammentod brennt. Gleichgültig was Menschen tun, dereinst stehe ich vor dem Richterstuhl des Ewigen. Ihm werde ich mich verantworten, und ich weiß, er spricht mich frei.