Montag, 29. Juni 2015

Griechenland kämpft gegen Banken-Run



Aus der Spieltheorie wird bitterer Ernst.

Von Bastian Brinkmann (Süddeutsche.de)

Die Spieltheorie ist ein mathematischer Zweig, auf dem ausgerechnet ein Ökonom namens Yanis Varoufakis sich einen gewissen Namen gemacht hat. Nun ist Varoufakis Finanzminister in Athen, und aus Theorie wird Praxis. Die griechische Regierung führt drastische Kapitalverkehrskontrollen ein. Warum das nötig ist, kann die Spieltheorie erklären.

Banken haben üblicherweise nicht genügend Bargeld auf Vorrat, um alle Guthaben ihrer Kunden sofort auszuzahlen. Das ist in normalen Zeiten auch kein Problem, sondern nur effizient. Grob skizziert sieht das Problem so aus: Zwei Kunden haben jeweils 10 000 Euro auf ihrem Konto. Die Bank hat 10 000Euro an Reserven, also nur die Hälfte der Guthaben, die sie ihren beiden Kunden garantiert. Das reicht aber in praktisch allen Fällen für die Bankgeschäfte aus. Ein Kunde hebt mal 200 Euro ab oder zahlt 100 Euro ein, der andere überweist1000 Euro, um eine Rechnung zu bezahlen, oder bekommt 800 Euro Gehalt. Die Summen sind kleiner als die Barreserven der Bank.

GriechenlandSo drastisch sind die Kapitalverkehrskontrollen




Jetzt geht es darum, Griechenlands Banken vor der schnellen Pleite zu bewahren. An Geldautomaten gibt es nur noch 60 Euro.

Deswegen kommt es zu einem Bank Run


Riskant wird es, wenn die Kunden panisch werden und das Vertrauen in die Bank verlieren. Dann haben sie beide einen Anreiz, möglichst rasch möglichst viel Geld abzuheben - bevor der zweite schneller ist und nichts mehr übrig ist. In der Finanzsprache heißt das dann Bank Run; die Kunden stürmen die Banken, um nicht zu spät zu kommen.

Die Spieltheorie beschreibt, wann und warum Menschen miteinander oder gegeneinander arbeiten. Wenn beide Kunden entspannt bleiben würden und ihr Geld auf der Bank liegen ließen, hätte das Institut keine Finanznot. Wenn aber nur einer der beiden Bürger befürchtet, dass der andere nicht ruhig bleibt, ist es für ihn nur konsequent, schnell selbst zur Bank zu rennen.

Genau das passierte zuletzt in Griechenland. Die Menschen hoben massenhaft Geld ab. Am Samstag - dem letzten Tag, an dem die Banken regulär geöffnet waren - hoben griechische Bürger wohl rund eine Milliarde Euro ab. Normal sind an einem solchen Wochenendtag 30 Millionen Euro.


Die EZB hat die Geldversorgung für Athens Banken eingefroren


Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Sonntag beschlossen, die Nothilfen für die griechischen Banken zu deckeln. Notgeld in Höhe von 88,6 Milliarden Euro ist genehmigt, das von der griechischen Zentralbank an die Institute fließt. Nun sind die Hilfen eingefroren, am Mittwoch will der Rat der Europäischen Zentralbank erneut tagen.

Die EZB hätte am Sonntag auch beschließen können, die volle Summe zurückzufordern. Das wäre ein Todesstoß für die griechischen Institute gewesen. Sie hätte aber auch beschließen können, die Notfallhilfen - die sogenannte Emergency Liquidity Assistance - weiter leicht anzuheben, wie sie es in den vergangenen Tagen und Wochen immer wieder getan hat. Das zusätzliche Geld hätten die griechischen Banken gebraucht, damit die Menschen weiter Geld abheben können.


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